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Ich bin doch dein Vater!

Roman von Wang Shuo

   

Aus dem Chinesischen übersetzt von Ulrich Kautz

Umschlagbild unter Verwendung einer Skizze von Ni Shaofeng 倪少峰

 
   

Reihe Phönixfeder 14
OSTASIEN Verlag
Paperback (21,5 x 12,5 cm), v + 397 Seiten.
2012. € 22,80
ISBN-13: 978-3-940527-62-2 (978-3940527622, 9783940527622)
    ISBN-10: 3-940527-62-9 (3940527629)

Vertrieb: CHINA Buchservice / Vormerken

 
   
   
Nachwort des Übersetzers  
   

Ein alleinerziehender Vater, Buchhändler und Möchtegern-Schriftsteller in Beijing, möchte ein „partnerschaftliches“ Verhältnis zu seinem pubertierenden Sohn aufbauen. In welche teils lächerlichen, teils tragikomischen Situationen Vater und Sohn durch ihr Experiment in einer immer noch von konfuzianischem Hierarchiedenken geprägten Gesellschaft geraten, davon erzählt dieser unterhaltsame Roman mit dem Originaltitel Wo shi ni baba 我是你爸爸 aus dem Jahr 1991. Für die Behörden war der nach dem Buch gedrehte Film so brisant, dass sie ihn verboten; denn die Geschichte könnte auch als Parabel auf das Verhältnis des sich emanzipierenden Individuums zu „Vater Staat“ gelesen werden, der angeblich immer am besten weiß, was gut für alle ist.

Der Schriftsteller und Filmemacher Wang Shuo 王朔, geboren 1958, lebt in Beijing, Schauplatz all seiner Erzählungen, Romane, Fernsehserien und Filme. Mit seinen – für China – unkonventionellen Werken, oft über Menschen aus Randgruppen der Gesellschaft, trifft er den Geschmack eines breiten Publikums. Dass er die Möglichkeiten der chinesischen Sprache vom persiflierten „hohen Ton“ bis hin zum „Gossenjargon“ virtuos ausnutzt und auch inhaltlich keine Tabus scheut, hat ihm den Unwillen von Kritikern und Zensurbehörden eingetragen, ihn zugleich aber zu einem der meistgelesenen Autoren Chinas und darüber hinaus auch im Ausland bekannt gemacht.

 
   
   
Nachwort des Übersetzers  
   

Im August 2000 hatte der Direktor des Filmfestivals von Locarno, der Sinologe Marco Müller, ziemlich konspirativ einen Film aus der Volksrepublik China als „Überraschungsfilm“ ins Wettbewerbsprogramm genommen. Der Film, der von seinem Schöpfer, dem Mega-Bestsellerautor Wang Shuo, auf Umwegen in die Schweiz gebracht wurde und prompt den Goldenen Leoparden gewann, trug den Titel Baba (Papa). Es war der erste Film, bei dem Wang, bisher dem Publikum vor allem als Autor von Erzählungen, Romanen und Drehbüchern sowie als Produzent bekannt, selbst Regie geführt hatte.

Baba war die filmische Adaptation von Wangs bereits 1991, zwei Jahre nach den blutigen Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing, veröffentlichten Roman Wo shi ni baba, der nun, unter dem Titel „Ich bin doch dein Vater!“, erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Roman war zunächst in einer Zeitschrift abgedruckt, dann aber sogleich in die vierbändige Werkausgabe des Verlages Huayi Chubanshe aufgenommen worden, die 1996 im Zuge einer Kampagne der Kommunistischen Partei zum Schutz der „geistigen Zivilisation“ verboten – und dadurch unter den Lesern und Raubkopierern umso populärer – wurde.

Wang kommentierte das Verbot seiner Werke in einem Interview so: „Jemand hat mich bei der Propagandaabteilung (des Zentralkomitees der Partei) verpfiffen. Diese befand, meine Werke seien reaktionär und zögen die Politik ins Lächerliche. Sie seien geschmacklos und in vulgärer Sprache geschrieben. Was ich im Übrigen gar nicht bestreite.“ Er könne nur hoffen, fügte er hinzu, dass das Verbot bloß vorübergehend gelte, denn die jährlichen Nachauflagen der Gesammelten Werke des bei ihrem Erscheinen erst 34jährigen Autors seien nicht nur seine Haupt-Einkommensquelle, sondern vor allem auch unabdingbar für die Finanzierung der Fernseh- und Filmprojekte, denen er sich seit 1992 auf Kosten seiner schriftstellerischen Arbeit verstärkt widmete. Tatsächlich konnte die Werkausgabe in etwas anderer Zusammenstellung, jedoch ohne inhaltliche Veränderungen, also einschließlich des Romans Wo shi ni baba, 1999 wieder neu aufgelegt werden. Der Film nach dem Roman aber blieb verboten.

Dem deutschen Leser mag diese unterschiedliche Behandlung von Buch und Film rätselhaft erscheinen. Die von der Zensur erhobenen Vorwürfe gegen die Kinoversion – von „Zynismus“ sprachen Wang Shuos Kritiker auch in diesem Fall – galten doch für beide gleichermaßen: respektlose Persiflage quasi sakrosankter Ereignisse aus der volksrepublikanischen Vergangenheit und Gegenwart sowie ihrer Darstellung in den offiziellen Medien; Demontage von Autoritäten und tradierten Hierarchien aller Art; unerschrockenes, wenn auch meist nur unterschwellig ausgedrücktes Beharren auf der Freiheit des Individuums; Kritik an den sozialen Missständen in der chinesischen Gesellschaft, die Deng Xiaopings manchesterkapitalistische Reformen mit sich gebracht haben; Kritik auch an dem allgemeinen ethisch-moralischen Verfall in einer Ellenbogengesellschaft und einem Staat, der mit seinem „Sozialismus chinesischer Prägung“ die Kombination von wirtschaftlicher Freiheit und politischer Repression versucht; die Verwendung eines als „vulgär“ gebrandmarkten Großstadtslangs statt der gepflegten „literarischen“ Sprache, die in China nicht nur von den sozialistisch-realistischen Schriftstellern der Mao-Ära, sondern auch von den Neorealisten der Gegenwart hochgehalten wurde und wird. All das wird sowohl der Leser des Buches als auch der Zuschauer des Kinofilms entdecken. Man muss dabei jedoch bedenken, dass chinesische Zensoren Filme wegen ihrer ungleich größeren Massenwirksamkeit seit jeher noch weit kritischer beäugen als Bücher.

Womit, werden Sie sich als Leserinnen und Leser dieses Romans „für Intellektuelle mittleren Alters, die sich um unser Land sorgen“ (O-Ton Wang Shuo) fragen, hat der Schöpfer von Baba denn eigentlich den Zorn der Zensoren auf sich gezogen? Erzählt wird in realistischen, über weite Strecken dialogischen, oft gleichsam schon filmisch konstruierten Episoden die Geschichte von Ma Linsheng, einem geschiedenen Buchhändler mit literarischen Ambitionen, circa vierzig Jahre alt, und seinem etwa dreizehnjährigen Sohn Ma Rui. Wie alle Geschichten von Wang Shuo seit seinem Erstling Kongzhong xiaojie (Die Stewardess, 1984) spielt sie – natürlich! – in Beijing, in einem Alt-Beijinger Wohnhof, wo Vater und Sohn in zwei Zimmern mit Küche und Bad hausen. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die komplizierten Probleme, die sich im Zusammenleben von alleinerziehendem Vater und pubertierendem Sohn ergeben und die sich immer wieder an der Frage der richtigen Erziehung des Jungen entzünden. Zum Thema „Erziehung“ äußerte sich Wang Shuo übrigens in einem Interview so: „Ich hasse das Wort Erziehung! Wenn ich meine Tochter beeinflussen will, dann so weit, dass sie nicht in bestimmten Meinungen verhaftet sein wird. Sie soll eines Tages die hundertprozentige Freiheit genießen, die ich selbst nicht habe… Ich bin ganz instinktiv der Meinung, dass Freiheit das Fundament für alles andere ist, für die Kreativität und Vitalität der ganzen Gesellschaft. Aber die chinesische Geschichte hat wiederholt gezeigt, dass ein radikales Freiheitsverlangen zu schlechten Ergebnissen führt. Die Studentenbewegung von 1989 ist ein gutes Beispiel dafür, … der Revolutionsversuch scheiterte am 4. Juni 1989, und zehn Jahre später haben wir den Stand von vor 1989 immer noch nicht wieder erreicht.“ In der Geschichte der beiden Mas nun wird das vom Vater für ungeheuer wagemutig gehaltene „partnerschaftliche“ Erziehungsprogramm von dem aufmüpfigen, auf seiner Entscheidungsfreiheit als Individuum pochenden Sohn als unzureichend, wenn nicht gar lächerlich empfunden.

Wir haben es also mit einem chinesischen Entwicklungsroman der etwas anderen Art zu tun, sehr unterhaltsam, voller Situationskomik und Sprachwitz, temporeich und spannend erzählt in der für Wang Shuo typischen anspielungs- und pointenreichen, „flippigen“ Sprache der Bewohner der chinesischen Hauptstadt, dem Markenzeichen des zwar nicht in Beijing geborenen, aber seit seinem ersten Lebensjahr (1958) dort lebenden Autors.

Die Brisanz des Romans und – wie gesagt – besonders des Films für die chinesischen Zensoren dürfte nun darin liegen, dass diese tragikomische Geschichte als Parabel gelesen werden kann, als Parabel auf das autoritär-paternalistische Regime der Kommunistischen Partei und das Aufbegehren der Menschen dagegen. Die Vater-Sohn-Beziehung wäre dieser Lesart zufolge eine Metapher für das Verhältnis des sich emanzipierenden Individuums, verkörpert durch den Sohn, zu den politischen und gesellschaftlichen Autoritäten, zu „Vater Staat“, der angeblich immer am besten weiß, was gut für alle ist. So gesehen, konnte es nicht ausbleiben, dass das Scheitern des Vaters mit dem Versuch, ein „demokratisches“, partnerschaftliches, letztlich aber doch nach wie vor repressives Verhältnis zu seinem Sohn zu pflegen, der Filmzensurbehörde verdächtig erschien. Folgerichtig wurde der bereits 1996 abgedrehte Film mit immer neuen Änderungsforderungen konfrontiert und letzten Endes dann doch nicht für das chinesische Filmpublikum freigegeben.

Müde vom Dauerclinch mit Zensurbehörden und missgünstiger Kritik („Trivialliteratur“ und „Herumtreiberliteratur“ sind zwei besonders häufig auf Wangs Werke gemünzte Diffamierungen) versuchte Wang Shuo sein Heil als Drehbuchautor und Filmemacher in den USA, stellte aber nach kurzer Zeit fest, dass er nur in seinem geliebten Beijing leben konnte – trotz alledem! Wie aber sollte es mit seiner schriftstellerischen Arbeit weitergehen? Sollte er die Hände in den Schoß legen und sich der seit Aufhebung des zeitweiligen Publikationsverbots wieder reichlich fließenden Tantiemen erfreuen (und zusehen, wie sich die Raubkopierer auf seine Kosten eine goldene Nase verdienten)? Vielleicht könnte er ja zur Abwechslung einmal einen staatstragenden Film produzieren? Aber nein – „meine Fans haben mit Ideologie nichts am Hut. Würde ich so einen Film drehen, würde ich höchstens noch Geld verlieren!“ Und – so möchte man hinzufügen – seine Leser und Zuschauer würden einen Künstler verlieren, der ihnen das gibt, was sie haben wollen und was ihnen in der Volksrepublik China sonst so selten geboten wird: intelligente Unterhaltung mit Tiefgang. Was also dann?

Wang verfasste einen autobiographisch geprägten Roman, Kanshangqu hen mei (Schön anzusehen, 1999); der danach gedrehte Film, „Little red flowers“, wurde 2006 auf der Berlinale gezeigt. Darin löste er sich von seinem bisherigen Schreibstil, strebte größeren psychologischen Tiefgang der Protagonisten an und befleißigte sich nunmehr einer weit „traditionelleren“, „gepflegten“ Sprache. Künftig wolle er „die wahren Beweggründe für das Handeln der Menschen aufspüren, jene archaischen Triebkräfte, die von ihrem Willen nicht zu beeinflussen sind und sonst hinter der von ihnen zur Schau getragenen Miene verborgen bleiben“, erklärte er. Das ging einher mit einer radikalen Reduzierung seines schriftstellerischen Outputs, gemessen an dem des Jahrzehnts zwischen 1984 und 1994, als er mit den in steter Folge erscheinenden Erzählungen und Fernsehserien über die Alltagswirklichkeit von Beijinger Durchschnittsbürgern und vor allem auch von Dropouts oder sogar Kleinkriminellen das großstädtische Lebensgefühl so treffsicher einfing, dass von einem wahren „Wang-Shuo-Fieber“ unter den Lesern und Fernsehzuschauern die Rede war.

Eine Zeitlang spielte er, Presseberichten zufolge, sogar mit dem Gedanken, sein Vermögen – mit Sicherheit nicht unbeträchtlich, wenn man die Einnahmen aus seinen zahllosen Buch-, Fernseh- und Filmprojekten hochrechnet – zu verschenken und sich in die Einsamkeit der heiligen Wutaishan-Berge zurückzuziehen. „Die heutige chinesische Gesellschaft ist von ihren traditionellen kulturellen Wurzeln abgetrennt, so dass alles, was geschaffen wird, falsch ist“, sagte er einmal. Im Übrigen habe er alles gesagt, was er zu sagen habe, und daher habe er sich entschlossen, Mönch zu werden, „nicht nur, weil mir das vom Schicksal vorherbestimmt ist, sondern auch wegen meines tiefen Pessimismus im Hinblick auf unsere Kultur.“ Diesen Plan gab Wang Shuo zwar letzten Endes auf, geblieben aber waren sein abgrundtiefer Kulturpessimismus und seine teils daraus, teils aus privaten Krisen resultierenden psychischen Probleme. In einem Interview vom 19.05.2007 bestätigte er die in den Medien und im Internet kursierenden Gerüchte, er habe in seiner Verzweiflung sogar eine Zeitlang Drogen genommen.

Wenn eben davon die Rede war, Wang habe seit dem Jahr 2000 seine schriftstellerische Produktion drastisch reduziert, so heißt das keineswegs, er sei verstummt. Im letzten Jahrzehnt schrieb er Drehbücher (mindestens fünf) und hielt mit zahlreichen Essays und Talkshowauftritten zu literarischen und sonstigen kulturellen Themen seine Präsenz im intellektuellen Diskurs aufrecht. Darin reagierte er sich – oft höchst provokativ – an etablierten Größen der chinesischen Literatur ab, z. B. an dem kanonischen Autor Lu Xun (1881–1936) oder an Jin Yong alias Louis Cha, jenem in der ganzen chinesischsprachigen Welt beispiellos populären zeitgenössischen Hauptvertreter der von Wang Shuo inbrünstig gehassten Kung-Fu-Literatur. Im Jahr 2007 erschien endlich auch ein neues Buch, Wo de qian sui han (Meine tausendjährige Kälte), dessen Inhalt sich abermals grundlegend von dem aller bis dato erschienenen Werke unterschied. Dieser Sammelband war nämlich den Lehren Buddhas und ihrer Interpretation für heutige Leser gewidmet. Befragt, wie der Titel zu erklären sei, erwiderte Wang: „In dem Buch kommt der Satz vor ‚Herbstregen bringt die Kälte von tausend Herbsten.‘ Kälte – die Menschen sind kalt, frostig. Unsere bittere, verzweifelte Nation, diese grausame und rücksichtslose Gesellschaft mit ihrer kalten Gleichgültigkeit, ja Mitleidlosigkeit – das sind die Eindrücke, die das Leben mir gebracht hat.“

Nach allem, was zu erfahren ist, löste das Buch in China verständnisloses Kopfschütteln aus. Das weltweite Copyright wurde nichtsdestoweniger für 3,65 Millionen Dollar von Random House erworben – ein neuer Rekord für ein chinesisches Buch. Wang Shuo war damit wieder einmal seinem Ruf gerecht geworden, in und mit allem, was er tat, jede gewohnte Norm zu brechen.

Quo vadis, Wang Shuo? In dem schon zitierten Interview vom März 2007 sagte er: „Als nächstes möchte ich die inoffizielle Geschichte der Volksrepublik China schreiben. Darin sollen alle Personen, denen ich begegnet bin, und alle Ereignisse, die ich erlebt habe, vorkommen. Und dazu noch alle Personen und Ereignisse, über die ich von anderen gehört habe. Denn wer auch immer es mir erzählt hat, was auch immer mir erzählt wurde – es war die Wahrheit! Über all das, was ich nicht gehört habe, werde ich eine volkstümliche Ballade schreiben… Jedermann trägt so dazu bei, diese Geschichte zu schreiben, eine völlig neue Methode, die die traditionellen Grenzen literarischer Formen sprengt.“ Außerdem, so kündigte er an, werde er seine Texte ab sofort nicht mehr drucken lassen, alles werde nur noch in elektronischer Form vorhanden sein. Nur wenn jemand unbedingt ein gedrucktes Exemplar haben wolle, werde er ihm eins ausdrucken. Im September 2011 ließ Wang sich darüber hinaus in einem weiteren Interview so zitieren: „Für Xu Jinglei (eine Journalistin), die ein digitales Magazin gründen will, werde ich schreiben, und sie wird mich dafür bezahlen. Ich werde außerdem ein Blog in der Art einer Talkshow starten… und alle, alle zu Tode chatten!“ Denn schließlich befänden wir uns im Internet-Zeitalter; die Printmedien würden unweigerlich aussterben.

„Die Printmedien sterben aus“ – tatsächlich wäre um ein Haar auch das vorliegende Buch nicht gedruckt worden! Die deutsche Übersetzung von Wang Shuos Roman musste zehn Jahre lang warten, bis sie schließlich als Phönixfeder doch noch das Licht der Bücher-Welt erblicken konnte. Dafür sage ich als Übersetzer dem Ostasien-Verlag aufrichtigen Dank, und dieser wiederum wird dem Autor für sein großzügiges Entgegenkommen bei der Rechteüberlassung dankbar sein.

Zwar hat Wang Shuo – immer gut für eine provokante Pointe – einmal verkündet, er schreibe ausschließlich für sein eigenes psychologisches Wohlbefinden, und er wisse weder, wer ihn lese, noch interessiere er sich dafür. Aber so ganz für bare Münze darf man bei ihm ja nichts nehmen. Dass sein Buch von nicht-chinesischen Leserinnen und Lesern ganz anders rezipiert wird als von der Zensur seines Heimatlandes, versteht sich von selbst. Dass Wang mit den geschilderten Vater-Sohn-Problemen auch bei Ausländern einen Nerv trifft, hat der Erfolg des Films Baba bewiesen. Und dass der Roman möglicherweise in Zeiten eines breiten gesellschaftlichen Diskurses über Vaterrechte, Väterzeiten, Kuckucksväter und dergleichen eine ganz neue Relevanz für das deutsche Lesepublikum hinzugewinnt, würde Wang Shuo zweifellos sehr gefallen.

Ulrich Kautz
25. Mai 2012

 
   
   
Leseprobe (S. 8–9)  
   

Ma Linsheng wischte sich an dem aufgehängten Handtuch umständlich die Hände ab. „Was essen wir heute abend?“, fragte er gedankenverloren.

„Mir egal!“, murmelte der Junge hinter seiner Zeitung.

Nach einer Weile ließ er sie sinken, und die beiden sahen einander einen Moment lang stumm an. Den Blick unverwandt auf den Vater gerichtet, wiederholte Ma Rui laut und deutlich: „Es ist mir egal. Was hättest du denn gerne?“

Ma löste den Blick von seinem Sohn und fläzte sich wieder in den Sessel, Arme und Beine von sich gestreckt, mit vorgerecktem Bauch. „Mir ist es auch einerlei. Irgendwas.“

„Dann lass uns noch mal Nudeln essen“, meinte der Junge und griff wieder nach der Zeitung.

„Immerzu Nudeln! Nennst du das gesunde Ernährung?“

„Weiß gar nicht, was du meinst“, erwiderte Ma Rui kopfschüttelnd und ohne seine Lektüre zu unterbrechen. Nach einem Moment murmelte er: „Jedenfalls hab ich bisher noch keine Spulwürmer gekriegt.“

Aus halbgeschlossenen Augen warf Ma Linsheng einen Blick auf den Sohn, der soeben eine neue Seite aufschlug und mit vorgerecktem Hals wie gebannt weiterlas.

„Kochen wir zusammen?“, fragte er.

Der Junge faltete die Zeitung zusammen und knallte sie auf den Tisch. Dann marschierte er, als erster, mit schweren Schritten in den Küchenverschlag vor der Tür.

***

Einander gegenüber sitzend, verspeisten Vater und Sohn ihr einfaches Abendessen. Der ganze Raum war erfüllt vom lauten Schlürfen der beiden beim Vertilgen ihrer Nudeln, das heißt, eigentlich nur vom Schlürfen Ma Linshengs, der in seiner Gier gewaltige Mengen auf einmal in den Mund schob und geräuschvoll hinunterschlang, nicht ohne zwischendurch schmatzend Knoblauchzehen zu kauen und dadurch den Genuss noch zu steigern.

Ma Rui saß kerzengerade am Tisch und wickelte mit den Essstäbchen die Nudeln fein säuberlich auf, ehe er sie in den Mund schob und, wie ein kleines Mädchen, mit gespitzten Lippen kaute. Anscheinend wollte er seinem Vater demonstrieren, wie man Nudeln auf anständige Weise isst. Jedesmal, wenn der ein besonders lautes Geräusch machte, warf er ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Als Ma Linsheng das bemerkte, nahm er sich etwas zusammen, doch schon im nächsten Augenblick ließ er sich wieder gehen.

„Wie spät haben wir’s?“ Mas Frage war kaum zu verstehen; denn er sprach mit vollem Mund, die Essschüssel an die Lippen gepresst, von denen ein paar lange Nudeln wie der schüttere Bart eines Greisendarstellers der Pekingoper herunterhingen. Sein Gesicht war gerötet, und der Blick stier.

Sein Sohn drehte sich zu der Wanduhr um und antwortete: „Fünf nach sieben.“

„Stell die Glotze an! Nachrichten!“, rief der Vater und setzte sich mit seiner Essschüssel so hin, dass er den Fernseher im Blick hatte.